Zahnarztbesuch in Melbourne eine Dokumentation

‚kurzes‘ Lebenszeichen an alle die mich aufgrund meines Schweigens bereits in bayerischen Biergaerten erwarten oder vermuten:
Am vergangenen Freitag Abend bekam ich leichte Schmerzen am Kiefer und im Laufe des abends eine Schwellung der rechten Gesichtshaelfte. Als ich Samstag frueh aufwachte und meine Augen reiben wollte, verstand ich gar nicht was fuer eine heisse und wobbelige Masse sich ueber mein rechtes Auge gelegt hatte. Schlaftrunken taumelte ich ins Bad um die Ursache meiner Halbblindheit zu erkunden und erschrak maechtig beim Anblick dieses Monsters das mich da aus dem Spiegel anstarrte. Eine Mischung aus Phantom und Quasimodo, die ca 2 cm Schwellung bedeckte die gesamte Gesichtshaelfte und zog sich auch in den nunmehr truthahnaehnlichen Hals Es war noch dunkel draussen und ich wollte eigentlich nur noch im Schutz der Dunkelheit schnell zum Arzt. Mir war ueberhaupt nicht klar was da ueber Nacht mit mir passierte und die irren Schmerzen bemerkte ich aufgrund des schockierenden Anblicks erst spaeter. Arzt oder Zahnarzt oder gleich Krankenhaus – ich entschloss mich fuer Zahnarzt aufgrund der am Vortag aufgetretenen Kieferschmerzen. Dass das Empfangs-Maedel mir einreden wollte, dass sie fuer heute ausgebucht waeren ignorierte ich und bestand darauf, dass ich zumindest mit der Zahnaerztin sprechen kann, welche dann tatsaechlich kurz darauf erschrocken auf das Antlitz ihrer neuen Patientin starrte. Sie schob mich dann zwischen Terminen ins Behandlungszimmer und aeusserte, dass dies vielleicht kein Fall fuer Zahnarzt waere, entschloss sich aber zu Roentgenaufnahmen und entdeckte eine Entzuendung irgendwo in Zahnnaehe. Sie verschrieb mir 2 verschiedene Antibiotika und dicke Schmerzbomben und meinte ich solle Montag frueh wieder kommen – bis dahin soll die Schwellung zurueckgegangen sein, wenn’s schlimmer wird (konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen wie es noch schlimmer sein koennte) soll ich schnurstraks ins Krankenhaus. So verbrachte ich den restlichen Samstag und Sonntag im Bett und ernaehrte mich von Schmerztabletten, die gerade mal fuer ne Stunde etwas Linderung brachten. Spiegel lag neben dem Bett mit welchem ich den Werdegang meines Gesichts verfolgte. Da war die rechte Gesichtshaelfte, durch die Schwellung so straff und glatt als waere es das Gesicht einer total fetten 20 Jaehrigen im Vergleich zu dem besorgten Auge der aelteren Dame auf der linken Seite.
Dann war es endlich Montag und die Einaeugige freute sich maechtig auf Linderung durch die helfenden Zahnarzthaende. Inzwischen war wohl Belegschaftswechsel in der Praxis und ich erklaerte der „Neuen“ nochmals den Werdegang, worauf sie meinte, dass die Samstag-Kollegin einen ausfuehrlichen Bericht hinterlassen hatte, sich aber nicht wagte mich am Samstag zu behandeln.?? Egal dachte ich, Hauptsache jetzt gehts los. Mir wurde erklaert, dass sie an irgendeinen Zahn rumbohren wird, Wurzelbehandlung ect und sie bei diesem Zahn in die Naehe der Entzuendung kaeme. Los gings mit Bohren und Bohren und Bohren, dazwischen immer wieder schnell zum PC um sich die Roentgenbilder wieder anzusehen (.ihr Gedaechtnis war wohl nicht so gut..) und irgendwann war ich froh dass Frau Doktor Mundschutz trug, da ich Schweissperlen auf ihrer Stirn entdeckte die dann wenigstens unter ihrem Mundschutz verschwanden und nicht in meinem Mund landeten. Selbst in meinem Zustand bemerkte ich, dass die Dame immer nervoeser wurde und irgendwann meinte, „ich komme da nicht durch“, „der Zahn lebt ja noch“ (ich dachte immer es ist ein gutes Zeichen wenn etwas noch lebt..?), bohrte weiter und gab schliesslich auf und meinte sie wolle es durch den danebenliegenden Zahn probieren. Moment mal – das ist eine Bruecke die ich vor ca 4 Jahren fuer teures Geld bekam, und erkundigte mich mal vorsichtig nach dem Schicksal der Bruecke sofern ich Bohren dort erlaube. Klar wurde mir keine Garantie gegeben und so sass ich fuer ca zwei bis drei Minuten sprachlos im Sessel. Mein Hirn versuchte verzweifelt irgendwelche Gedanken oder Fragen zu fassen, aber Dutzende von Schmerztabletten waehrend der letzten zwei schlaffreien Tage laehmten Geist und Zunge – Bruecke anbohren? warum Zahn X anbohren wenn Problem im Zahn Y sitzt?
Dann fiel mir mein aehnliches Problem letztes Jahr ein, wo man bei mir in Freising unterhalb einer Zahnbruecke aufschnitt und das Problem ‚von unten her‘ erfolgreich loeste und regte mal vorsichtig diese Loesung an. Dies war wohl der Frau Doktor nicht bekannt und igorierte mich mit einem verstaendnislosen Kopfschuetteln.
Mein besorgtes Auge blieb aber auch der Frau Zaehnaerztin nicht verborgen und ich bemerkte, dass sie mich eigentlich nur noch loswerden wollte mit den Worten „you can get a second opinion from someone else“. Ich wollte ja keine opinions sammeln und nur Linderung dieser irren Schmerzen haben aber aufgrund ihrer erfolglosen Bohrungen, ihrer Vergesslichkeit der Roentgenaufnahmen und ihrer selbst inhalierten Schweissperlen stimmte ich der second opinion zu. Ihr war wohl bewusst, dass sie hier eine stark angeschlagene Patientin wegschickte und schrieb noch schnell eine Ueberweisung fuer’s Medical Centre um mir dort einen Penicillin-Schuss in meinen Popo zu holen und schaffte es auch, einen Termin beim Spezialisten zu bekommen aufgrund „extreme emergency“ wie ich mithoerte.
Der erfolglose Einsatz wurde mit einer Rechnung von $ 600 abgeschlossen. Dass sie den Zahn nur provisorisch abdichtete und dieser seine ursprüngliche Form total verlor, habe ich erst spaeter entdeckt.

Kurz darauf war ich dann im Medical Centre wo man mir fuer vergleichsweise laecherliche $ 70 den Penicillin-Schuss verpasste und der Arzt meinte ich solle die bisherigen Antibiotikas absetzen und verschrieb mir anderes Zeug das ich mir auch gleich besorgte, da ich noch 2 Stunden Zeit hatte bis zum Termin beim Spezialisten. Er erwaehnte noch ‚they have to drain the pus‘ und ich dachte mir, dass der Experte schon wissen wird was er zu tun hat.
In meiner Not suchte ich mir mal meinen Freisinger Spezialisten im Internet und bat ihn um Mitteilung der offiziellen Bezeichnung seiner letzten Behandlung bei mir, da ich fuer den bevorstehenden Termin beim Experten hier gewappnet sein wollte. Mit deutscher Gruendlichkeit und bayerischer Freundlickeit bekam ich innerhalb weniger Stunden eine ausfuehrliche Erklaerung mit Anhang und englischen Bezeichnungen durch Dr Schreyer von der Zahnarztpraxis-Airport Clinic in Freising (kann ich meinen bayerischen Freunden nur empfehlen!) und mit dem neu angeeigneten Wissen und entsprechenden Spickzettel machte ich mich auf den Weg zum Melbourner Spezialisten .
Wow, eine Super-Luxus-Praxis die einer Artgalerie ähnelte und ich fragte mich trotz Drogeneinfluss, ob diese durch Lottogewinn oder Patienten finanziert wurde..Klar, der behandelnde Spezialist war sehr freundlich und rasselte in ein paar Minuten herunter was er in den naechsten 30 Minuten in meinem Mund veranstalten wird. Danach wollte ich ihm noch die ‚Freisinger Methode‘ nahelegen, aber bis mein Hirn und Zunge in der Lage waren diesen Vorschlag anzubringen, bohrte sich auch schon seine Spritze in mein Zahnfleisch mit dem Ergebnis, dass sich auf der Liege eine stoehnende und sich windende Patientin befand, der Schmerz war so hoellisch und ich wollte nur noch sterben oder zumindest ohnmaechtig werden – beides blieb dem ‚Specialist‘ leider erspart. Ich hoerte wie er irgendetwas murmelte, dass die Entzuendung sich wohl auch auf die Gaumenseite hinzog (die Entzuendung zwischen Zahnfleisch und Oberlippe war Haselnuss-gross, Haselnuss mit Schale!) Nach ca 3 bis 4 endlosen Minuten liess der Schmerz etwas nach und ich weigerte mich den Mund fuer eine weitere Einspritzung zu oeffnen -wobei er mir mehrfach versicherte, dass keine weitere Einspritzung notwendig waere. Die restliche Behandlung war schmerzfrei und es wechselten Bohrer und Bohrgeraeusche und irgendwann meinte er dann „that’s it, I hope I was able to get enough….close to the infection“. Dieser Hoffnung schloss ich mich dann beim Bezahlen seiner $ 1600 an. Auch er wechselte noch schnell das Rezept fuer Medikamente und so besorgte ich mir anschliessend erneut ‚bessere‘ Antibiotika. Er verabschiedete mich mit den Worten ‚sollte dies wirklich nicht geholfen haben, muessten wir am anderen Ende der Bruecke den Eingriff wiederholen?? (..ahaaa, nochmals 1600.. und erklaert wohl seine handschriftlichen Bemerkungen und Zeichnungen die in der Ecke eingekringelte $ 3200 aufweisen). Geistig verwirrt verliess ich dann die Praxis – wo sitzt oder sass denn jetzt das eigentliche Problem? Was war die Ursache dieser idiotischen Schmerzen während und nach der Spritze?
Dienstag frueh sah ich nicht viel besser aus, Schwellung war vielleicht ein kleines bisschen zurueckgegangen – oder ich redete mir dies nur ein um den 1600er-Schock zu ueberwinden. Schmerzen liessen nicht nach und so futterte ich weiter meine Schmerztabletten und merkte im Laufe des Abends, dass die Haselnuss zwischen Zahnfleisch und Oberlippe offensichtlich groesser wurde und dann schlief ich irgendwann ein. Gegen 1.30 Uhr wachte ich mich idiotischen Schmerzen auf und stellte fest, dass die Haselnuss sich inzwischen zur Walnuss verwandelte und beschloss ins naechste Krankenhaus zu fahren. Um zumindest etwas schmerzfrei zu sein schluckte ich erst mal die doppelte Menge von Schmerztabletten und drueckte mir meinen ‚ice pack‘ heftig gegen die Backe. Ich hoffe, dass keiner von Euch beim Essen sitzt, aber durch den heftigen Druck des ice packs entpuppte sich die Walnuss-Schwellung als Zapfhahn fuer eine Unmenge von braun-gruenem, suesslich schmeckenden aber uebelriechenden Brei der im Nu meinen Mund fuellte und so fuhr Dr Nordeck fort die Schwellung im Gesicht Richtung Zapfhahn zu druecken und nach jedem ‚mouthful‘ den Mund gruendlich spuelte – ich bin sicher dass ich am naechsten Tag ein Kilo weniger wog!! Mein Gesicht war inzwischen fast normal, nur eine Haselnuss sass noch in der Backe und seit meinem eigenen, kostenlosen Eingriff habe ich keine Schmerztabletten mehr gebraucht. Um die letzte Nuss los zu werden, begab ich mich dann zu meinem ‚mickrigen‘ 70-Dollar Arzt ins Medical Centre und schilderte ihm meine Erfahrungen der letzten Tage. Ich weiss nicht was ihm mehr zusetzte, die Tatsache, dass die ‚Anderen‘ das Zigfache seines Honorars kassierten, oder die Tatsache, dass man den haselnussgrossen Abszess zwischen Oberlippe und Zahnfleisch nicht gesehen und nicht geöffnet hat – ca 4 Zähne von dem behandelten Zahn entfernt -und schüttelte nur den Kopf…!?
. Mit einer weiteren Dosis von Antibiotika wünschte er mir einen schöne Zeit in Deutschland. Jetzt habe ich allerdings das Gefuehl, dass die Bruecke an der ‚Bohrstelle‘ sich gelockert hat und ich sehe mich schon fast wieder in der Freisinger Airport Clinic…
Sobald ich wieder einigermassen hergestellt bin und die erste Mass und Brezen genossen habe, dann melde ich mich auch wieder!